Bernhard Peter
Shinto-Schreine: Kyoto, Shimogamo jinja


Der Shimogamo-Schrein liegt in einem weitläufigen Wald in dem dreieckigen Zwickel zwischen den Flüssen Kamo-gawa und Takano-gawa, im Süden begrenzt von der Straße Mikage Dori, im Westen von der Straße Shimogamo Hon-dori (die Adresse lautet: 59, Shimogamo Izumigawacho, Sakyo-ku, Kyoto-shi, Kyoto-fu 606-0807). Die Gesamtfläche beträgt ca. 124000 Quadratmeter. Der umgebende ursprünglich wirkende Wald von ca. 245 m Breite und 625 m Länge hat sehr alte Bäume, die teilweise bereits mehrere Hundert Jahre hinter sich haben, und ist eine großartige grüne Lunge im Häusermeer der Großstadt. Er wird Tadasu no Mori, "Wald der Wahrheitssuche, bzw. wo Lügen aufgedeckt werden" genannt. Das Wort "Tadasu" bedeutet ursprünglich "reinigen", "richtigstellen" oder "Gerechtigkeit", also wäre es wörtlich der "Wald der Richtigstellung". Eine zweite Bedeutung ist "Delta", was sich cum grano salis auf die sich vereinigenden Flüsse beziehen kann. Früher war der Wald, in dem über vierzig verschiedene Baumsorten wachsen, noch wesentlich größer, wurde aber durch kriegerische Ereignisse und Stadtexpansion auf die jetzige Größe verkleinert. Es gibt ca. 600 Bäume, die zwischen 200 und 600 Jahre alt sind. Deshalb ist das gesamte Areal auch als nationale historische Stätte eingestuft. Mehrere Wasserläufe durchziehen das Gelände, die Bäche oder Flüsse namens Nara-no-ogawa, Semi-no-ogawa, Izumi und Mitarashi.

Man erreicht den Schrein beispielweise über die Haltestelle Demachiyanagi der Keihan Line (und die bekommt man z. B. mit der U-Bahn, Tozai Line, Haltestelle Sanjo). Etwas länger ist der Fußweg von der Haltestelle Kuramaguchi oder Kitaoji der U-Bahn. Mit dem Bus kommen die Linien 4 und 205 (jeweils Haltestelle Shimogamo jinja-mae oder Tadasu no mori), 204 und Raku 102 (Demachiyanagi Station) in Frage. Die Linie 205 fährt auch ab Kitaoji Station.

Der Shimogamo-Schrein ist nur Teil eines Ganzen, denn Shimogamo und Kamigamo jinja gehören zusammen und werden Kamo-Schreine genannt. Früher standen sie in einem gemeinsamen Areal, doch durch das Wachsen der Stadt sind sie durch besiedelte Flächen nun voneinander getrennt. Beide sind zwei der ältesten und wichtigsten Schreine Kyotos; sie bestanden schon, bevor Kyoto im Jahre 794 unter dem damaligen Namen Heian-kyo Hauptstadt wurde. Deshalb haben die Schreine, die beide seit 1994 zum Unesco-Weltkulturerbe zählen, auch eine besondere Stellung und genießen den Schutz des Kaiserhauses. Beide Teilschreine sind ca. 3,5 km voneinander entfernt. Der etwas ältere, im 6. Jh. entstandene Shimogamo Jinja (früher auch: Kamo-mioya jinja) ist der "untere Kamo-Schrein", der etwas jüngere, im 7. Jh. entstandene Kamigamo Jinja (früher auch: Kamo-wakeikazuchi jinja) der "obere Kamo-Schrein". Das "K" wird im Kontext zu "G" angeglichen. Und beide tragen den gleichen Namen wie der Fluß, der jeweils westlich an ihnen vorbeifließt, der Kamo-gawa.

Alle haben ihren Namen von der Familie Kamo, einem japanisches Geschlecht, das in der damaligen, heute zur Präfektur Kyoto gehörenden Provinz Yamashiro siedelte und anfangs die Schirmherrschaft über den Schrein hatte. Das war auch der Anfang des Schreines und des Kultes, denn hier werden ein Stammahn der Familie Kamo, Kamo-taketsunomi-no-mikoto, der zum Schutzgott der Stadt wurde, und seine Tochter Tamayori-hime-no-mikoto als Kami verehrt. Die Legende sagt, Kamo-taketsunomi-no-mikoto sei im Osten von Kyoto am Berg Mikage auf die Erde herabgestiegen, habe sich in die dreibeinige Gottheit Yatagarasu in Form eines Raben oder einer Krähe verwandelt und den legendären ersten Kaiser Japans, Jinmu, an den Ort des heutigen Shimogamo-Schreins in der Yamato-Ebene geführt. Der Legende nach gilt der Kami daher als der Erschaffer Kyotos. Seine Tochter Tamayori-hime-no-mikoto hingegen versah auf dem Gelände rituelle Pflichten. Als sie bei einer Reinigung am Fluß Kamo einen Pfeil im Wasser schwimmen sah, nahm sie ihn an sich, worauf dieser sich in einen schönen Gott namens Oyamakui verwandelte, den sie heiratete. Beide hatten einen Sohn, der einen Aspekt übernahm und zum Donnergott Wakeikazuchi wurde. Großvater und Tochter werden im Shimogamo-Schrein verehrt, der Enkel bzw. Sohn Wakeikazuchi im Kamigamo-Schrein. So steht der erstere mit seinen Kami für glückliche Heirat und erfolgreiche Geburt und Elternschaft (deshalb gerne aufgesucht von allen, die um gute Familienbeziehungen und glückliche Geburt von Kindern bitten), der andere für lebensspendende Eigenschaften des vom Donnergott geschickten Regens. Weiterhin gelten beide aufgrund ihres Alters und der Gründungslegende als Schutzschrein für Kyoto, wo man um Frieden, Schutz vor Unheil und Sicherheit bittet.

Der Schrein befindet sich auf historisch bedeutender Stätte, denn Ausgrabungen haben hier Artefakte aus der Yayoi-Zeit ans Licht gebracht, die die lange Siedlungskontinuität belegen. Das erste Heiligtum war wohl eher eine Andachtstsätte in der Natur. Erst unter Kaiser Tenmu (40. Tenno, 675-686) entstand ein entsprechender Gebäudekomplex. Die Familie Hata, mit der Familie Kamo verwandtschaftlich verbunden, unterstützte den Schrein. Als die Hauptstadt von Nara nach Kyoto verlegt wurde, wurde der Schrein reich mit Grundbesitz dotiert. Während der Heian-Zeit hatte der Schrein eine große Bedeutung als Schutzschrein der Hauptstadt Heian-kyo. Die kaiserliche Familie und der Adel kümmerten sich um den Schrein, der entsprechend prosperierte. Mehrere Kaiser besuchten selbst den Schrein.

In seiner gegenwärtigen Form besteht der Schrein seit dem 11. Jahrhundert. Früher war es üblich, alle 21 Jahre die Gebäude des Schreins abzureißen und rituell neuzubauen, wie in anderen Schreinen auch. Das System nennt man Shikinen Sengu; es ist eine symbolische rituelle Erneuerung und Reinigung der Verehrungsstätten, während der die Kami zwischenzeitlich in Behelfsschreinen "geparkt" werden. Als die kaiserliche Macht immer geringer wurde und schließlich das Kaiserreich im Bürgerkrieg versank und das Shogunat die Macht im Reich an sich riß, verlor der Schrein an Unterstützung, bekam weniger Zuwendungen, auch weil das Kaiserhaus über geringere Mittel verfügte. Während des Onin-Krieges (1467-1477) brannten die meisten Gebäude ab, ebenso der Wald. Danach wurde 1581 der Schrein so rekonstruiert, wie er in der Heian-Zeit ausgesehen hatte. Das Noritoya-Gebäude (Gebetshalle) stammt aus dem Jahre 1629. Seit Anfang der Edo-Zeit wurde das Hauptgebäude insgesamt achtmal wiederaufgebaut, östlicher und westlicher Honden stammen in der materiellen Substanz vom letzten Wiederaufbau im Jahre 1863. In diesem Jahr besuchte Kaiser Komei den Schrein. In der Meiji-Zeit wurde der Shintoismus stark gefördert, weil das politisch zur Wiederherstellung der kaiserlichen Macht paßte. Entsprechend üppig wurde auch der Shimogamo-Schrein, der im Ansehen gleich hinter dem Schrein von Ise kam, in dieser Zeit bedacht. Heute wird das regelmäßige Wiederaufbauen wegen der immensen Kosten nur noch bei wenigen Shinto-Schreinen so gehandhabt (z. B. Ise-Schrein, wird im ganzen Land nur noch bei etwa 10 Schreinen praktiziert). Dennoch, trotz aller Kosten, hat dieses Verfahren Shikinen Sengu eine immense Bedeutung für den Erhalt der lebendigen handwerklichen Traditionen und die Weitergabe des konstruktiven Wissens. Seit der Shimogamo jinja Nationalschatz ist, beschränkt man sich auf notwendige Renovierungen.

Beide Schreine, der Kamigamo und der Shimogamo jinja, sind im Range eines Chokusaisha (vollständig: Chokushi sanko no jinja), sind also Schreine, die das Privileg genießen, an wichtigen Festen einen Chokushi zu bekommen, einen kaiserlichen Abgesandten. Das geht auf ein Dekret des Kaisers Murakami im Jahr 965 zurück. Die Kamo-Schreine teilen dieses Privileg beispielsweise mit dem Kasuga-Taisha in Nara, dem Izumo-Taisha in Izumo, dem Atsuta-jingu in Nagoya und dem Heian-jingu in Kyoto. Später wurde der Shimogamo-Schrein als Kanpei-taisha eingestuft, was von 1871 bis 1946 gültig war.

Der Schrein besitzt vier Bereiche, die jeweils voneinander abgetrennt sind. Außerhalb der äußersten Einfriedung stehen im Süden ein Torii über dem Zuweg, das zweite. Das erste Torii befindet sich noch viel weiter südlich außerhalb des Waldes im untersten Zwickel zwischen beiden Flüssen, neben dem Aoi-Park und auf der anderen Straßenseite von Wohnhäusern flankiert. Westlich des zweiten Toriis liegt im tiefen Wald der Aioi-Schrein. In diesem Gebäude ist der Kamimusubi no kami eingeschreint, von dem man glaubt, er sei der Schutzgott der guten Heirat und der Verlobung. Nicht weit davon stehen zwei Bäume, die so ineinander gewachsen sind, daß sie quasi zu einem geworden sind, auch dies ein Symbol für die Verbindung von Mann und Frau durch Heirat. Dieses Baumpaar wird Renri-no-sakaki genannt; Sakiki ist bei uns als Sperrstrauch (Cleyera japonica) bekannt. Hier sieht man darin die Wirkung des nahen Aioi-Schreines selbst auf Bäume bestätigt und empfindet die verschmolzenen Bäume als eines der sieben Wunder von Kyoto. Die Äste eines Sakiki-Baumes werden übrigens bei bestimmten Shinto-Ritualen verwendet.

Wenn man sich von Westen her der äußersten Einfriedung nähert, stehen dort drei Gebäude; nördlich des Weges sind das Okurumaya (dort werden die Zeremonialwagen für Aoi Matsuri aufbewahrt) und die Oidono-Halle (Schreinküche, hier werden Reis und Reiskuchen und andere Opfergaben für die Götter vorbereitet). Hier liegt auch der Schreingarten, Aoi-Garten genannt. Nicht nur Asarum caulescens (Aoi) gedeiht hier, sondern auch Hortensien, Sumach, Chaenomeles sinensis (Pseudocydonia sinensis, Karin) und Acanthopanax spinosus (Yamaukogi). Einst stand hier noch eine weitere Halle, die der Sai-in, der Kaiserstochter, als Quartier diente, wenn sie Schreinfeste besuchte oder ihren religiösen Verpflichtungen nachkam; diese Halle wurde aber nach ihrem Brand nie wieder aufgebaut.

Die äußerste Einfriedung besitzt umlaufende Galerien und als markantestes Bauwerk im Süden das zweistöckige Tor, das Ro-mon (turmartiges Tor). In direkter Flucht nördlich davon steht frei die allseits offene Musik- und Tanzplattform (Maidono). Früher diente die Halle der Darbringung von Opfern und Gebeten. Wenn der Kaiser den Schrein besuchte, hielt er etwas abseits in Höhe des Torii an und schickte seine Untergebenen vor, um in dem Maidono die Opfergaben abzugeben und dort zu beten. Erst als die Rolle des Kaisers neu justiert wurde, betrat der Kaiser persönlich die Maidono-Halle. In der Neuzeit wird die Halle ausschließlich als Plattform für Tanz-Aufführungen benutzt. Das heutige Gebäude wurde 1628 errichtet. Westlich davon steht ein Gebäude, das sich Shinbuku-den nennt. Ursprünglich war das, wie der Name "Kleidung für die Götter" besagt, ein Gebäude, in dem Kleidung für die Götter genäht wurde (Shin = Gott, fuku = Kleidung, lautliche Angleichung im Kontext zu -buku). Genutzt wurde das Gebäude freilich ganz anders: Hier nahm der Kaiser Quartier, wenn er den Schrein besuchte, außerdem war das Gebäude als Ausweichquartier vorbereitet, falls es Feuer im Kaiserpalast geben sollte, doch dazu kam es zum Glück nie, so daß es sich um eine reine Besuchsunterkunft handelt.

Die zweite Einfriedung bildet ein in die nordwestliche Ecke gerücktes Rechteck innerhalb der äußeren Rechteckeinfriedung. Das Zugangstor liegt im Süden in direkter Linie Ro-mon -> Maidono -> mittleres Tor (Naka-mon). Dieser Zwischenbereich wird geprägt von mehreren kleinen Nebenschreinen. Darunter sind die Koto-sha (Koto-Schreine), die dem Gott Okuninushi no mikoto gewidmet sind. Das ist ein Kami, der wichtig ist für nationale Angelegenheiten Insgesamt gibt es sieben sehr ähnlich gebaute Schreine, das liegt daran, daß dieser Kami sieben Namen hat, und für jeden Namen von Okuninushi no mikoto wurde ein eigener kleiner Schrein gebaut. Zwei stehen direkt hinter dem Eingang, das sind die Hitokoto. Drei stehen in Nord-Süd-Reihe links vom Eingang, die werden als Mikoto bezeichnet, und zwei weitere stehen im Südwesteck dieses zweitinnersten Bereiches, die werden als Futakoto bezeichnet. Weiterhin sind diese Koto-Schreine mit weißen Tafeln markiert, die sie den chinesischen bzw. japanischen Tierkreiszeichen zuordnen (teilweise Doppelbelegung). Der östliche Hitokoto bedient das Jahr der Schlange ("Mi") und das Jahr des Schafes (oder Ziege, "Hitsuji"), der westliche Hitokoto bedient das Jahr des Pferdes ("Uma"). Der nördliche Futakoto ist für das Jahr der Ratte (oder Maus, "Ne") zuständig, und der südliche Futakoto für das Jahr des Ochsen ("Ushi") und das Jahr des Ebers (oder Schwein, "I"). Der nördliche Mikoto ist für das Jahr des Hasen  ("U") und das des Hahnes (oder Huhn, "Tori") zuständig, der mittlere Mikoto für das Jahr des Tigers ("Tora") und das des Hundes ("Inu"), und der südliche Mikoto ist für den Drachen ("Tatsu") und den Affen ("Saru") als Jahr zuständig. Je nach Geburtsjahr kann man sich den passenden Schrein zum Beten aussuchen. Man betet hier für Wohlstand und geschäftlichen Erfolg. Alle diese Schreine sind als wichtige Kulturgüter klassifiziert.

Dieser Bereich hat eine L-Form; im westlichen Teil befindet sich der Mitsui-Schrein mit drei Nebenschreinen an der Nordseite und eigenem Tor an der Südseite. Im Mitsui-Schrein sind drei Götter eingeschreint, Kamotaketsunomi-no-Mikoto, Tamayorihime-no-Mikoto und Ikakoyahime-no-Mikoto. Der Gott Kemari ist in einem der Nebenschreine zu Hause.

Die dritte Einfriedung bildet ein weiteres Rechteck innerhalb der zweiten Einfriedung, ist aber zur Mitte hin gerückt, so daß alle Gebäude symmetrisch der Hauptachse des gesamten Bereiches angeordnet sind. nach Norden springt dieses innerste Rechteck ein wenig über das äußerste Rechteck hinaus, im Osten über das mittlere Rechteck. Ein Gebäude in Form eines gestürzten "T" liegt in der Mitte; der nach Norden vorstoßende Bau trennt ein westliches und ein östliches Heiligtum, die eigentlichen großen Schreine für Kamo-taketsunomi-no-mikoto (der westliche Schrein, Nishi-Honden) und Tamayori-hime-no-mikoto (der östliche Schrein, Higashi-Honden). Diese beiden parallel stehenden, fast baugleichen Hauptheiligtümer exzellenten Baustils sind als Nationalschätze klassifiziert. Beide sind im Nagare-Stil (Nagare-zukuri) gebaut und blicken genau nach Süden; diese Anordnung etablierte sich in der Heian-Zeit. Die Südwest- und die Südostecke dieses innersten Bereiches besitzen jeweils noch ein größeres Bauwerk; außerdem gibt es im Nordwesten noch zwei kleinere Gebäude.

Es bleibt noch der Bereich innerhalb der äußersten Einfriedung im Nordosten, der durch die asymmetrische Lage der mittleren Einfriedung entsteht. Dort bildet der Bach Mitarashi einen großen Bogen und wird von einer mit einem zinnoberrot gestrichenen Geländer versehenen Bogenbrücke (Taiko-bashi) überspannt. Im Norden liegt der Mitarashi-Schrein, der, weil er über einem Quellbrunnen errichtet wurde, auch Inoue-sha genannt wird, wörtlich "Schrein über der Quelle". Dort wird eine Gottheit der Reinheit und des sauberen Wassers verehrt. Vor dem Schrein liegt der Mitarashi-Teich, von dem der im Bogen nach Süden fließende Mitarashi-Bach seinen Ausgang nimmt. Im Süden befinden sich zwei weitere Gebäude, darunter die Musiker-Halle Hosodono, die über den Bach gebaut ist. Alle 53 Gebäude des Shimogamo jinja sind mindestens als wichtige Kulturgüter klassifiziert.

Eines der wichtigsten Schreinfeste der beiden Kamo-Schreine findet am 15.5. jedes Jahres statt, das Aoi Matsuri, das zu den drei größten Festen des Jahres in Kyoto gehört. Der Festumzug der im höfischen Stile der Heian-Zeit gekleideten Teilnehmer beginnt am Kaiserpalast und führt dann zum Shimogamo, dann zum Kamigamo jinja. Das geht auf das frühe 9. Jh. zurück, als der Kaiser Saga (regierte 809-823) dem Schrein seine eigene Tochter Uchiko (807-847) als erste Sai-in (eine weibliche, ledige Angehörige des Kaiserhauses, die als Priesterin am Kamo-Schrein diente, eine in der Heian- und Kamakura-Zeit übliche Institution) gab und infolgedessen einmal jährlich eine große Prozession in Begleitung eines kaiserlichen Gesandten besagte Tochter zu Reinigungszeremonien zum Schrein brachte, und daraus hat sich die Prozession von Aoi Matsuri entwickelt. Genaugenommen sind es zwei Prozessionen, einer der Männer mit dem kaiserlichen Gesandten und eine der Frauen mit der Prinzessin. Die gesamte Prozession dauert etwa fünf Stunden und erweckt den Glanz der Heian-Zeit zu neuem Leben.

Weitere wichtige Schreinfeste finden statt am 4.1. (Kemari Hajime), 3.2. (Setsubun), 3.3. (Nagashi-bina), 3.5. (Yabusame Shinji, Bogenschießen zu Pferd), 4.5. (Saiou-dai Misogi no Gi, ein Reinigungsritual), am 5.5. (Busha Shinji, Bogenschießen) und am 12.5. (Mikage-Ritual).

Im westlichen Teil der zweitinnersten Einfriedung befindet sich der Mitsui-Schrein mit eigenem Tor an der Südseite, Blick von Südwesten auf den Gebäuderiegel der zweiten Einfriedung, rechts im Bild angeschnitten das Tor.

Shinbuku-den von Nordwesten gesehen. Im Hintergrund der Maidono.

Shinbuku-den von Nordosten gesehen

Goldene Hängelampen verzieren mehrere Gebäude.

Gebäude westlich des Shinbuku-den.

Halle im südöstlichen Eck der äußersten Einfriedung, hinter dem Hashi-dono.

Maidono, von Nordwesten gesehen. Dahinter Hashi-dono und noch eine Halle.

Maidono, genau von Norden gesehen. Im Hintergrund die rot-weißen Galerien der äußersten südlichen Einfriedung. Das Ro-mon wird verdeckt.

Maidono, Blick von Nordosten. Rechts im Bild angeschnitten der Shinbuku-den, links das Ro-mon.

Maidono, Blick von Südosten. Links im Bild angeschnitten der Shinbuku-den, rechts das Naka-mon, das in den zweitinnersten Bereich führt.

Hashi-dono ("Brücken-Halle") im Südostbereich der äußersten Einfriedung, Blick von Nordosten.

Hosodono oder Hashi-dono ("Brücken-Halle") mit Irimoya-Dach. Die Halle wird so genannt, weil sie wie eine Brücke über den Mitarashi-gawa gebaut ist, der Bach also unter ihr hindurch fließt. Blick von Nordwesten. Hier nahm das Orchester bei rituellen Veranstaltungen Platz.

Ro-mon, ein zweistöckiges Tor im Süden der äußersten Einfriedung.

Ro-mon, von außen aus südlicher Richtung gesehen. Papierlampions mit Chrysanthemenmotiv seitlich des Durchgangs.

Ro-mon, von Nordosten gesehen.

Details der Klammerkonstruktionen am Ro-mon

Ro-mon im Regen, Fototermin mit Hochzeitsgesellschaft findet trotzdem statt.

Eine Hochzeitsgesellschaft hat sich vor dem Ro-mon aufgebaut und wartet darauf, daß der Photograph seine Arbeit macht. Für Hochzeitsgesellschaften ist der Schrein nicht nur wegen der wunderschönen Kulisse beliebt, sondern auch wegen der Geschichte von Tamayori-hime-no-mikoto und ihrem Mann, die für glückliche Liebesheirat und blühende Nachkommen steht.

Eine zweite Hochzeitsgesellschaft nur wenig später. Während Blicke und Haltung immer steifer werden, huschen zahlreiche Helferinnen vor der Gesellschaft auf und ab und überlassen keine Stoff-Falte oder Haarsträhne dem Zufall, ehe der Photograph die Freigabe erhält.

Im Osten des äußersten eingefriedeten Bereichs bildet der Bach Mitarashi (Mitarashi-gawa) einen großen Bogen und wird von einer mit einem zinnoberrot gestrichenen Geländer versehenen Bogenbrücke überspannt.

Blick über die Bogenbrücke in Richtung Nordwesten zur innersten Einfriedung. Ein Shimenawa-Seil mit herabhängenden Shide sperrt die Brücke für den Publikumsverkehr. Sie wird Tama-bashi oder nach der Form auch Taiko-bashi genannt, Trommel-Brücke.

Mitarashi-Schrein (Mitarashi-sha).

Mitarashi-Schrein. Das Mitarashi-sai oder Mitarashi-matsuri findet im Juli statt, also in der heißesten Jahreszeit (ca. 22.-30.7.), am Doyoo no Ushi, dem Tag des Ochsen, 18 Tage vor dem traditionellen Herbstanfang. Die Teilnehmer steigen ins Wasser des kleinen Flusses und laufen unter der Bogenbrücke hindurch in Richtung Schrein, nachts mit Kerzen in den Händen besonders malerisch. Das soll gegen Krankheiten helfen, insbesondere vor Erkrankungen der Beine schützen. Am Schrein werden die Kerzen aufgestellt und Gebete gesprochen. Den Teilnehmern wird ein Glas Quellwasser zum Trinken gereicht. Spezielle Ema in Fußform können erworben, beschrieben und aufgehängt werden. Ebenso werden aus diesem Anlaß spezielle Omamori verkauft.

Auf der Ostseite der Brücke steht ein großes, zinnoberrot gestrichenes Torii (Bildmitte).

Die zweite Einfriedung bildet ein in die nordwestliche Ecke gerücktes Rechteck innerhalb der äußeren Rechteckeinfriedung. Das Zugangstor liegt im Süden in direkter Linie Ro-mon -> Maidono -> mittleres Tor (Naka-mon). Wenn man das Tor im Bild nach rechts durchschreitet, kommt man in den zweitinnersten Bereich mit den Kotosha-Schreinen.

Dieser Zwischenbereich wird geprägt von mehreren kleinen Nebenschreinen, den Kotosha-Schreinen. Auf der weißen Tafel in der Bildmitte sind die chinesischen Tierkreiszeichen "Hund" (die beiden linken Zeichen übereinander) und "Tiger" in Hiragana angegeben (die beiden rechten Zeichen übereinander). Auf dem Holz und dem Stoff der Schreine stehen die Kanji, am linken Hund und Tiger, am rechten Hahn und Hase.

 

Insgesamt gibt es sieben sehr ähnlich gebaute Schreine, das liegt daran, daß dieser Kami sieben Namen hat, und für jeden Namen von Okuninushi no mikoto wurde ein eigener kleiner Schrein gebaut. Im rechten Bild ist auf der weißen Tafel rechts das chinesische Tierkreiszeichen "Ratte/Maus" (das eine große Zeichen) in Hiragana angegeben. Auf dem Holz und dem Stoff der Schreine stehen die Kanji, am linken Ratte, am rechten Ochse/Büffel und Eber/Schwein.

Zwei stehen direkt hinter dem Eingang in den zweitinnersten Bereich, diese sind oben im Bild zu sehen (Blick nach Südwesten). Drei stehen in Nord-Süd-Reihe links vom Eingang, und zwei weitere stehen im Südwesteck dieses zweitinnersten Bereiches. Auf der weißen Tafel in der Bildmitte sind die chinesischen Tierkreiszeichen "Schaf" (die drei linken Zeichen übereinander) und "Schlange" in Hiragana angegeben (das eine Zeichen rechts). Auf dem Holz und dem Stoff des Schreines stehen die Kanji für Schaf und Schlange.

 

Okuninushi no mikoto ist ein Kami, der wichtig ist für nationale Angelegenheiten. Er ist auch noch unter den Namen Yachihoko no kami, Ashihara Shiko no O no kami, Omononushi no kami, Okunitama, Utsushikunitama und Kunitsukurionamuchi no mikoto bekannt. In seiner Jugend hieß er zudem Onamuchi no mikoto, daher wird er auch noch Onamuchi no kami genannt. Im linken Bild ist auf der weißen Tafel in der Bildmitte das chinesische Tierkreiszeichen "Pferd" (zwei Zeichen übereinander) in Hiragana angegeben. Auf dem Holz und dem Stoff der Schreine stehen die Kanji, am linken Pferd, am rechten Hahn und Hase.

Drei Kotosha-Schreine für den Gott Okuninushi no mikoto in Reihe. Rechts liegt der innerste Bezirk mit den Hauptschreinen. Alle diese kleinen Schreine sehen wie aus einem Guß aus. Auf der weißen Tafel links sind die chinesischen Tierkreiszeichen "Affe" (die beiden linken Zeichen übereinander) und "Drache" in Hiragana angegeben (die beiden rechten Zeichen übereinander); auf der Tafel rechts sind es "Hund" (die beiden linken Zeichen übereinander) und "Hahn" (die beiden rechten Zeichen übereinander). Auf dem Holz und dem Stoff der Schreine stehen die Kanji, am linken Affe und Drache, am mittleren Hund und Tiger, am rechten Hahn und Hase.


Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf google maps: https://www.google.de/maps/@35.0386377,135.7727244,19z - https://www.google.de/maps/@35.0388547,135.7728467,155m/data=!3m1!1e3
Ernst Lokowandt: Shinto - Eine Einführung. Publikation der OAG Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tokyo 2001, 117 S., Verlag Iudicium 2001, ISBN-10: 3891297270, ISBN-13: 978-3891297278
Joseph Cali, John Dougill: Shinto Shrines - a Guide to the Sacred Sites of Japan's Ancient Religion, 328 S., University of Hawaii Press 2012, ISBN-10: 0824837134, ISBN-13: 978-0824837136
Suzanne Sonnier: Shinto, Spirits, and Shrines - Religion in Japan, Lucent Books 2007, ASIN: B00FAWMA88
Kenji Kato: Shinto Shrine, Bilingual Guide to Japan, Nippan Verlag 2017, 128 S., ISBN-10: 4093884781, ISBN-13: 978-4093884785
John H. Martin, Phyllis G. Martin: Kyoto - 29 Walks in Japan's Ancient Capital, 376 S., Verlag: Tuttle Pub. 2011, ISBN-10: 4805309180, ISBN-13: 978-4805309186, S. 196-200
Homepage des Schreines:
http://www.shimogamo-jinja.or.jp/ - http://www.shimogamo-jinja.or.jp/english.html
Kamo-Schreine:
https://www.japan-guide.com/e/e3941.html
Shimogamo-Schrein:
https://kyoto.travel/de/shrine_temple/120
Shimogamo-Schrein:
https://www.jnto.go.jp/eng/spot/shritemp/shimogamojinja.html
Shimogamo-Schrein:
https://www.japan-experience.com/city-kyoto/shimogamo-jinja
Chokusaisha:
https://de.wikipedia.org/wiki/Chokusaisha
Kamo-Schreine:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kamo-Schrein
Shimogamo-Schrein:
http://www2.city.kyoto.lg.jp/bunshi/bunkazai/isan-b-e.htm
Shimogamo-Schrein:
https://en.wikipedia.org/wiki/Shimogamo_Shrine
Shimogamo-Schrein:
https://www.insidekyoto.com/shimogamo-jinja-shrine-central-kyoto
Shimogamo-Schrein:
https://www.discoverkyoto.com/places-go/shimogamo-jinja/
Shimogamo-Schrein:
http://thekyotoproject.org/english/shimogamo-jinja/
Shimogamo-Schrein:
https://www.japanhoppers.com/de/kansai/kyoto/kanko/574/
Shimogamo-Schrein:
https://micro.rohm.com/en/rohm-saijiki/shimogamo/seasonview_shimogamo.html
Wald:
https://micro.rohm.com/en/rohm-saijiki/shimogamo/5_closeup/closeup_01.html
Haupthalle und Kotosha:
https://micro.rohm.com/en/rohm-saijiki/shimogamo/5_closeup/closeup_02.html
Grundriß:
https://micro.rohm.com/en/rohm-saijiki/shimogamo/images/map_2_b.jpg
Oidono:
https://micro.rohm.com/en/rohm-saijiki/shimogamo/5_closeup/closeup_03.html
Mitarashi-Schrein:
https://micro.rohm.com/en/rohm-saijiki/shimogamo/5_closeup/closeup_04.html
Sakiki:
http://eos.kokugakuin.ac.jp/modules/xwords/entry.php?entryID=312
Shimogamo-Schrein:
http://japantravelmate.com/world-heritage-site/shimogamo-jinja-kyoto
Wald:
https://en.wikipedia.org/wiki/Tadasu_no_Mori
Sai-in:
https://en.wikipedia.org/wiki/Saiin_(priestess)
Mitarashi-sai:
https://www.discoverkyoto.com/event-calendar/july/mitarashi-sai-shimogamo-shrine/
Yabusame Shinji:
https://www.discoverkyoto.com/event-calendar/may/mounted-archery-shimogamo-shrine/
Aoi Matsuri:
https://www.discoverkyoto.com/event-calendar/may/aoi-matsuri-kamo-matsuri/


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